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Frauen in der Wissenschaft: Ignoriert und Übersehen trotz großer Leistung

Der Matilda-Effekt, ein Phänomen, das die systematische Ignorierung wissenschaftlicher Beiträge von Frauen beschreibt, bleibt trotz Fortschritten in der Geschlechtergerechtigkeit in der Forschung relevant. Lise Meitner und Otto Hahn arbeiteten 1925 im Labor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin. Während Otto Hahn für die Entdeckung der Kernspaltung mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, blieb Lise Meitners Beitrag unbeachtet.

Wichtige Forschungsergebnisse von Frauen, wie die von Rosalind Franklin und Jocelyn Bell Burnell, wurden häufig männlichen Kollegen zugeschrieben. Rosalind Franklin erhielt posthum wenig Anerkennung für ihre entscheidenden Röntgenbilder, die zur Entdeckung der DNA-Struktur führten, für die 1962 James Watson, Francis Crick und Maurice Wilkins geehrt wurden. In ihren Reden erwähnten die Preisträger sowie das Nobelkomitee Franklin nicht, was den Matilda-Effekt symbolisiert. Die Historikerin Margaret Rossiter prägte 1993 den Begriff Matilda-Effekt, benannt nach der US-amerikanischen Frauenrechtlerin Matilda Joslyn Gage, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts auf diese Problematik hinwies.

Fortdauernde Ungleichheiten

Aktuelle Studien zeigen, dass wissenschaftliche Arbeiten von Frauen 40 Prozent seltener zitiert werden als die ihrer männlichen Kollegen, was den anhaltenden Matilda-Effekt bestätigt. Darüber hinaus gibt es in der heutigen Forschung weiterhin Anzeichen für misogynistische Sichtweisen. Die Gender Citation Gap verdeutlicht, dass männliche Forschende überproportional häufig zitiert werden, während weibliche Forschende oft in den Hintergrund gedrängt werden.

Malte Steinbrink, Lehrstuhlinhaber für Anthropogeographie an der Universität Passau, führt mit seinen Koautoren eine Untersuchung des Matilda-Effekts in der Humangeographie durch. Erste Ergebnisse dieser Studie, die zeigen, dass die Zitationsrate von Frauen in der deutschen Humangeographie fast 40 Prozent niedriger ist als die von Männern, werden in diesem Jahr im Fachmagazin GW-Unterricht veröffentlicht. Diese Ergebnisse spiegeln ähnliche Befunde in anderen Disziplinen wider, die zudem die anhaltenden Diskrepanzen im Bereich der Geschlechterverteilung bei Nobelpreisen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) illustrieren, wo die Mehrheit der Ausgezeichneten weiterhin weiß und männlich ist.

Ein weiteres Beispiel für die Ignorierung weiblicher Leistungen in der Wissenschaft ist die filmische Darstellung von Lise Meitner im 2023 erschienenen Film „Oppenheimer“, in dem ihre entscheidende Rolle in der Kernspaltungsforschung nicht gewürdigt wurde. Trotz Verbesserungen in der Sichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft bleibt der Matilda-Effekt also ein drängendes Thema in der Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit und Anerkennung.