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Holocaustliteratur im Wandel: Erinnerungen und Fiktion im Visier!

Am 1. März 2025 fand ein Gespräch mit Sascha Feuchert, einem Literatur-Professor an der Universität Gießen, statt, der sich auf Holocaust- und Lagerliteratur spezialisiert hat. Feuchert erklärte, dass diese Literatur-Gattung Tagebücher, Chroniken und fiktionale Texte umfasst, welche die Ereignisse des Holocaust thematisieren. Die Entstehung dieser Gattung reicht bis ins Jahr 1933 zurück, als die Nationalsozialisten begann, Terroreinrichtungen einzurichten.

Die ersten Texte wurden von Überlebenden verfasst, die ihre Erfahrungen dokumentierten, oftmals im Ausland veröffentlicht. Prominente Autoren in diesem Bereich sind unter anderem Primo Levi, Elie Wiesel und Rut Klüger. Zudem wird der jüdische Widerstand zunehmend in der Holocaust-Literatur thematisiert, wie beispielsweise in David Safiers Roman „28 Tage lang“ aus dem Jahr 2014. Feuchert untersucht die Entwicklungen in der Holocaust-Literatur, insbesondere in Bezug auf Themen und Autoren.

Veränderungen in der Literatur

Feuchert weist darauf hin, dass mit dem Rückgang der Zeitzeugen auch weniger Memoiren veröffentlicht werden, was zu einer Zunahme fiktionaler Texte führt, darunter Romane und Dramen. Er beobachtet eine Vereinfachung im Umgang mit dem Holocaust, und stellt fest, dass das Authentizitätsgebot in der Literatur nicht mehr unbedingt gilt. Es gibt Versuche, mit bereits bestehendem Stoff zu arbeiten, wie etwa im Roman „Das vergessene Schtetl“ von Max Gross.

Allerdings sieht Feuchert auch problematische Entwicklungen, wie bei dem Buch „Der Tätowierer von Auschwitz“ von Heather Morris, das nur lose mit der Faktenlage umgeht. Er zeigt sich grundsätzlich offen gegenüber solchen Werken, betont jedoch die Verantwortung, die mit fiktionalen Texten einhergeht, und warnt davor, dass diese Fiktionen die Fähigkeit haben, Geschichte zu überschreiben.

Eine umfassende Betrachtung der Holocaust-Literatur findet sich auch in der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen, die feststellen, dass die Bezeichnung Holocaustliteratur umstritten ist. Diese Literatur umfasst eine Vielzahl von Textsorten und vereinigt authentische Schriften von Überlebenden sowie fiktionale Texte. Die Gießener Definition grenzt literarische Texte klar von historischen und wissenschaftlichen Texten ab, da sie Stilmittel verwenden und nicht den wissenschaftlichen Kriterien folgen.

Die Bezeichnung „Holocaust“ selbst ist unterschiedlich interpretierbar: Sie kann sich entweder auf die Vernichtung der europäischen Juden beschränken oder auf alle Opfergruppen der nationalsozialistischen Verfolgung ausgeweitet werden. Die Gießener Definition versteht „Holocaust“ hingegen im weitesten Sinn und empfiehlt den Ausdruck „Shoah“, um die spezifische Vernichtung der europäischen Juden zu erfassen, wie es auch die Literaturverzeichnisse und Studien zur Holocaustliteratur zeigen.