
Forschende aus Stade und Tansania haben ein umfangreiches Projekt ins Leben gerufen, um die Kolonialgeschichte aufzuarbeiten. Im Mittelpunkt stehen rund 600 Kulturgüter aus der Kolonialzeit, die über 100 Jahre in den Archiven der Stadt Stade aufbewahrt wurden. Die Objekte stammen maßgeblich von dem Botaniker Karl Baum, der 1921 diverse Gegenstände und Dokumente aus der Kolonie Deutsch-Ostafrika nach Stade brachte. Baum leitete zu diesem Zeitpunkt die Zweigstelle der biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft und übergab seine Sammlung der Stadt kurz vor seinem Tod im Jahr 1935.
Das Forschungsprojekt der Museen Stade wird in Zusammenarbeit mit dem tansanischen National Institute for Medical Research (NIMR) durchgeführt und untersucht die Erwerbsumstände der Kulturgüter. Diese erzählen Geschichten von kolonialer Besetzung und Ausbeutung. Die Kuratorin Lea Steinkampf hebt hervor, dass eine nicht nur deutsche Perspektive erforderlich ist. Ergebnisse des Projekts werden in einer Doppelausstellung im Museum Schwedenspeicher und im Kunsthaus Stade präsentiert, die bis zum 9. Juni zu sehen ist.
Historische Aufarbeitung und Rückgaben
Ein wichtiger Bestandteil der Untersuchung sind die Tagebücher von Karl Baum, von denen 88 zur Rekonstruktion der Erwerbsumstände genutzt wurden. Verschiedene Objekte, wie Perlenarmbänder und Federschmuck, wurden bei Händlern auf der Straße gekauft, während andere, darunter Masken und Gefäße, durch militärische Gewalt erlangt wurden, darunter etwa von der Emin-Pascha-Expedition. Gespräche über eine mögliche Rückgabe der Kulturgüter nach Tansania sind bereits im Gange, und eine Wanderausstellung in Tansania wird in Betracht gezogen.
In einem breiteren Kontext wird das Thema Rückgabe von Kulturgütern kolonialer Herkunft weltweit diskutiert. Laut Informationen von Wikipedia begannen die Diskussionen um Rückgaben bereits in den 1970er Jahren nach der Unabhängigkeit europäischer Kolonien. Seit 2020 wurden Kulturobjekte an Länder wie Benin, Namibia und Nigeria restituiert. In Deutschland wurden seit 2022 mehrere Kulturgüter aus Namibia, Tansania und Kamerun zurückgegeben. Diese Rückgaben werden als wesentlicher Teil der Auseinandersetzung mit der kolonialen Geschichte betrachtet und sind Teil des Prozesses der Versöhnung und Neubewertung der kolonialen Vergangenheit. Auch die gesetzliche und moralische Bewertung der Entnahme von Kulturgütern wird regelmäßig thematisiert.