Wittenberg

Braunkohle im Wandel: Mitteldeutschland zwischen Vergangenheit und Zukunft!

Mitteldeutschland gilt seit dem frühen 20. Jahrhundert als Zentrum des Braunkohlebergbaus und der chemischen Industrie. Diese Region hat eine Vorreiterrolle in der Raumplanung eingenommen, die mit der des Ruhrgebiets vergleichbar ist. Professor Harald Kegler von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hebt die Pionierrolle Mitteldeutschlands in der modernen Landesplanung hervor. Insbesondere die Kohleförderung führte nach dem Ersten Weltkrieg zu schnellem industriellen Wachstum und erhöhten Anforderungen an die Planungsprozesse.

Am 2. April 1925 wurde in Halle der „Landesplanungsverband für den engeren mitteldeutschen Industriebezirk“ gegründet, in dem Vertreter aus Wirtschaft, Landwirtschaft und Kommunen zusammenkamen. Im Jahr 1927 stellte der Planungstheoretiker Gustav Langen in Leipzig den Begriff der Raumordnung vor. In Thüringen wurde bereits über die Gestaltung der „industriell geprägten Kulturlandschaft“ diskutiert.

Entwicklung der Raumplanung

Der Plan 23, auch bekannt als Planungsatlas Mitteldeutschland, stellte eine wichtige Grundlage für die Landesplanung in der Region dar und wurde 1932 veröffentlicht. Bereits im Jahr 1928 gab es einen Plan für die Zukunft des Geiseltals, der nach der Braunkohleförderung umgesetzt wurde und zur Entstehung eines Naturschutzgebiets führte. Viele andere Pläne mussten aufgrund der Weltwirtschaftskrise verworfen werden, und der Landesplanungsverband wurde 1932 nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten aufgelöst.

Kegler erklärt, dass das Konzept des Geiseltalsees die Diskussion der 1920er-Jahre widerspiegelt, die eine neue „industriell geprägte Kulturlandschaft“ nach der Landschaftsverwüstung durch den Bergbau forderte. Die ursprünglichen Pläne sahen vor, bestehende Orte nur geringfügig zu erweitern und die Industrie kleinteilig zu verteilen. Ferner beruhte das Verkehrskonzept auf der Eisenbahn, während Autobahnen lediglich ergänzend vorgesehen waren.

Braunkohleabbau in der DDR

In der DDR wurde der Braunkohleabbau zur Sicherstellung der Energieautarkie massiv vorangetrieben, insbesondere nach der Ölkrise 1973. Die Regierung verfolgte eine radikale Auskohlungspolitik, die zur Zerstörung eines Drittels des Bezirkes Cottbus führen sollte. Familien in Braunkohlerevieren waren häufig wirtschaftlich von der Braunkohleindustrie abhängig, was zu einem Dilemma zwischen Heimat und Arbeit führte. Bis in die 1980er Jahre existierten in der DDR insgesamt 39 Tagebaue. Zu Spitzenzeiten wurden über 300 Millionen Tonnen Braunkohle pro Jahr gefördert, wodurch die DDR zum weltweit führenden Produzenten aufstieg.

Nach der Wiedervereinigung kam es zu einem drastischen Rückgang der Beschäftigten in der Braunkohleindustrie, von 700.000 Ende der 1980er Jahre auf 100.000 Anfang der 2000er Jahre. Zwischen 1989 und 1999 wurden in der ehemaligen DDR 31 Tagebaue stillgelegt. Im Juli 2020 verabschiedete der Bundestag ein Gesetz zum Kohleausstieg bis 2038, mit der ersten Abschaltung eines sächsischen Blocks im Jahr 2029. Ein Finanzabkommen zwischen der Bundesregierung und den Kohleländern stellt 40 Milliarden Euro Unterstützung in den nächsten 20 Jahren in Aussicht, um Industriearbeitsplätze zu schaffen.

Die Braunkohleregionen stehen vor einem umfassenden Transformationsprozess, der auch Chancen für die Zukunft bieten kann. Eine Herausforderung besteht jedoch darin, dass Unternehmen möglicherweise nicht ausreichend Mittel für die Renaturierung der Tagebaue zur Verfügung haben. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV), die 1994 gegründet wurde und im Besitz des Bundes ist, kümmert sich um die Sanierung der Nachfolgelandschaften des Braunkohleabbaus. Bis Ende 2020 wurden bereits rund 11,43 Milliarden Euro in die Braunkohlesanierung investiert.

Projekte wie das „Lausitzer Seenland“ und das „Leipziger Neuseenland“ sind zwei der großen Initiativen in den Kohlerevieren, die darauf abzielen, die Restlöcher der Tagebaue durch Grundwasserwiederanstieg oder externes Wasser teilweise zu füllen. Die Rekultivierung nach dem Braunkohleabbau wird als vorbildlich bezeichnet und schafft neue Kultur- und Naturräume. Die Anlage von Seen aus den Tagebaurestlöchern stellt ein einzigartiges Langzeitexperiment mit ungewissem Ausgang dar, das sowohl Herausforderungen als auch Chancen für die Region mit sich bringt.