
Am 4. April 1980 traten in der evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau elf Sinti und eine Sozialarbeiterin in den Hungerstreik. Unter den Hungerstreikenden waren vier Holocaust-Überlebende und Romani Rose, der 1982 Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma wurde. Ziel des Hungerstreiks war die Anerkennung des Völkermords an Sinti und Roma durch die Bundesrepublik Deutschland. Rund 500.000 Angehörige der Sinti und Roma wurden in Konzentrationslagern ermordet, während den Angehörigen jahrzehntelang eine Entschädigung von der Bundesrepublik verweigert wurde.
Die Streikenden forderten die Herausgabe der Akten der 1965 aufgelösten „Landfahrerzentrale“ des Bayerischen Landeskriminalamts (BLKA). Diese Akten enthielten persönliche Daten von Sinti und Roma, die seit 1899 systematisch erfasst wurden. Die „Zigeunerzentrale“ der Polizeidirektion München war ab 1899 für diese Erfassung zuständig und wurde 1936 zur „Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ umgebaut. Nach 1945 wurden Sinti und Roma weiterhin diskriminiert und von einer Dienststelle im Zentralamt für Polizeistatistik überwacht. Ab 1952 übernahm die „Landfahrerzentrale“ des BLKA diese Aufgabe und fungierte ab 1953 als bundesweite Informationsstelle. Das Datenmaterial aus der NS-Zeit wurde nach der Auflösung der „Landfahrerzentrale“ 1965 in anderen Abteilungen des BLKA weitergeführt.
Wichtige Ereignisse des Hungerstreiks
Der Hungerstreik galt als zentraler Gründungsmoment der Bürgerrechtsbewegung von Sinti und Roma in Deutschland. Initiiert wurde er von elf Sinti und einer Sozialarbeiterin, die gegen den Antiziganismus deutscher Behörden protestierten. Der Verband Deutscher Sinti und die Gesellschaft für bedrohte Völker wandten sich an das bayerische Innenministerium und forderten Informationen über den Verbleib von Datensammlungen über Sinti und Roma aus der Zeit des Nationalsozialismus. Außerdem wurde eine öffentliche Rehabilitierung der Minderheit und eine Distanzierung von der „Landfahrerzentrale“ gefordert.
Das bayerische Innenministerium weigerte sich jedoch, die frühere Polizeipraxis zu verurteilen und gab an, die Akten seien bereits vernichtet worden. Der Hungerstreik begann am 4. April 1980 und wurde nach acht Tagen, am 12. April 1980, abgebrochen. Währenddessen verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Hungerstreikenden. Am 11. April 1980 sagte der bayerische Innenminister Gerold Tandler zu, dem Verbleib der Akten nachzugehen. In Dachau, München und Hamburg wurden Demonstrationen organisiert, und Solidarität kam unter anderem von der bayerischen SPD-Landtagsfraktion sowie dem Bundesverband jüdischer Studenten. Unterstützung erhielten die Hungerstreikenden auch von Persönlichkeiten wie Rudolf Augstein, Heinrich Böll und Yehudi Menuhin, während Wolf Biermann das Lied „Schlaflied für Tanepen“ widmete. Rund hundert Journalisten und mehrere Fernsehteams berichteten täglich über den Hungerstreik.